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Fortbildung : Interview: „Der Faktor Mensch ist in der Medizin entscheidend“

01.08.2015

Im Juni und Juli 2015 hat nach etwa einjährigem konzeptionellem Vorlauf die Pilotphase des neuen DGOU-Kursformats „IC – Interpersonal Competence by DGOU and Lufthansa Flight Training“ stattgefunden – mit vielversprechendem Ergebnis. Über die Besonderheiten des Kurses und die Herausforderungen bei dessen Planung sprach DGOU-Redakteurin Miriam Buchmann-Alisch am 18. Juli im Lufthansa Training & Conference Center Seeheim mit zwei der Instruktoren und Initiatoren der ersten Stunde, Prof. Bertil Bouillon und Dr. Matthias Münzberg.

Wie ist die Zusammenarbeit von DGOU und LFT zustande gekommen?

Bouillon: Orthopäden und Unfallchirurgen haben schon lange Verbindungen zur Fliegerei gepflegt. Der Wissenstransfer zwischen OP und Cockpit war bereits Thema verschiedener Veranstaltungen. Dabei zeigte sich, dass bei aller Technik der Faktor Mensch für die Sicherheit entscheidend ist. Im Jahr 2014 haben unsere Generalsekretäre Prof. Niethard und Prof. Hoffmann den direkten Kontakt zur Lufthansa hergestellt. Danach haben wir uns in Frankfurt getroffen und gemeinsam ein Kurskonzept zur Stärkung der interpersonellen Kompetenzen in O&U, analog der Ausbildung der Piloten, entwickelt.

An wen richtet sich das neue Kursformat?

Münzberg: Der Kurs richtet sich prinzipiell an alle Ärzte, zunächst aber an die Orthopädie und Unfallchirurgie. Konzeptionell wollen wir alle vom Assistenzarzt bis zur ärztlichen Leitung erreichen. ICC1 richtet sich an Ärzte, die frisch anfangen, also im ersten oder zweiten Weiterbildungsjahr sind. ICC2 spricht diejenigen an, die kurz vor dem Facharzt sind. ICC3 ist speziell für Oberärzte, ICC4 wird schließlich für niedergelassene Ärzte, Chefärzte und ärztliche Direktoren entwickelt.

Was ist das Besondere an diesem Kurs? Und welches sind die Ziele?

Münzberg: Neu ist das I = Interpersonal. Bis jetzt gab es in der ärztlichen Weiterbildung immer nur zwei Säulen, nämlich die technische und die prozedurale Kompetenz. Die Human Factors, also alles, was zwischenmenschlich ist, kam bislang nicht vor. Wir wissen aber, dass dies im ärztlichen Alltag enorm viel ausmacht, wahrscheinlich sogar mehr als die ersten beiden Kompetenzen zusammen. Denn teilweise müssen wir alle zwei, drei Minuten eine Entscheidung treffen, wir haben mehrfach am Tag ein neues Team und auch sonst sehr vielfältige Aufgaben. Sei es die Visite auf Station, die Sprechstunden, wechselnde OP-Teams, die Notaufnahme etc.

Bouillon: Ziel ist die Stärkung der interpersonellen Kompetenzen. Wir möchten die Wichtigkeit von Themen wie Kommunikation, Teamarbeit, Führung und Entscheidungsfindung für eine optimale Behandlung strukturiert und spannend vermitteln. In interaktiven Diskussionen, Filmclips aus dem Alltag und vielen praktischen Übungen werden diese Themenbereiche angesprochen. Den Teilnehmern werden im Kurs ganz praktische Werkzeuge an die Hand gegeben, die sie an ihrem Arbeitsplatz unmittelbar einsetzen können. Die Instruktoren sind erfahrene und speziell geschulte Trainer von Lufthansa Flight Training sowie Orthopäden und Unfallchirurgen.

Sind die Erfahrungen aus der Luftfahrt tatsächlich so gut übertragbar auf die Orthopädie und Unfallchirurgie?

Münzberg: Ja, sind sie. Wir haben viel von der Luftfahrt gelernt. Die Piloten konnten mittlerweile aber auch von uns lernen. Sie sagen sogar, Ihr habt eigentlich noch mehr Stress, Verantwortung und müsst öfter und schnellere Entscheidungen treffen als wir.

Bouillon: Die Luftfahrt hat es in den letzten 20 Jahren geschafft, eine herausragende Sicherheitskultur zu entwickeln. Daher wollen wir von den Besten lernen. Der Faktor Mensch ist in der Luftfahrt wie in der Medizin entscheidend. Diesen Faktor wollen wir mit dem Kurssystem systematisch entwickeln. Das bedeutet noch mehr Sicherheit für unsere Patienten und mehr Zufriedenheit für unsere Mitarbeiter.

Soeben haben Sie die Pilotphase abgeschlossen - wie fällt Ihr Resümee aus?

Münzberg: Super. Die Zusammenarbeit mit LFT ist hervorragend. Wir haben es innerhalb von einem Jahr gemeinsam geschafft, diesen Kurs aufzubauen, und sind sehr zufrieden.

Bouillon: Ich bin begeistert über das Feedback der Teilnehmer. Die Trainer der Lufthansa hatten Sorge, dass der eine oder andere Film aus unserem medizinischen Alltag in Bezug auf Stress, Kommunikation oder Arbeitsbelastung übertreibt. Die Teilnehmer fanden diese Filme absolut treffend und die vorgestellten Werkzeuge, etwas zu ändern, sehr hilfreich.

Gab es aufgrund des Feedbacks der Teilnehmer noch kleinere Anpassungen am Konzept?

Bouillon: Wir haben nach dem Feedback aus dem ersten Pilotkurs die praktischen Anteile noch deutlicher in den Mittelpunkt gestellt und einen Werkzeugkasten zusammengestellt, den die Teilnehmer im Alltag nutzen können.

Wie lässt sich der Erfolg des Kurses messen? Planen Sie eine Evaluation? 

Münzberg: Zum einen werden wir das Kurskonzept selbst evaluieren. Das heißt, wir schicken allen Teilnehmern vor und nach dem Kurs jeweils einen Evaluationsbogen zu, um zu sehen, ob es einen Zuwachs an Wissen und/oder im Bewusstsein gibt, wie wichtig Human Factors sind. Gemeinsam mit der Uniklinik Frankfurt ist außerdem ein eigenes Evaluationsprojekt hierfür geplant. Es wird ein oder zwei Pilotkrankenhäuser geben, an denen wir den messbaren Erfolg von Human Factors Training und somit unseres Kursformats nachweisen möchten.

Sie sind beide Instruktoren für den IC-Kurs - was war bislang das eindrücklichste Erlebnis für Sie selbst als Instruktor oder Beobachter mit den Teilnehmern?

Münzberg: Für mich war es besonders spannend mitzuerleben, wie schnell und wie gut die Teilnehmer das Ganze annehmen, wie schnell sie ins Diskutieren kommen und Erfahrungen austauschen. An meiner eigenen Klinik habe ich außerdem gesehen, dass Mitarbeiter, die daran teilgenommen hatten, vieles bereits gleich nach dem Kurs umgesetzt haben - schon nach ein bis zwei Wochen hat dieser Kurs also etwas gebracht.

Bouillon: Tolle Filme, spannende Diskussionen und eine sehr große Offenheit aller Teilnehmer, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und nach Lösungen zu suchen. Unser Werkzeugkasten ist wirklich gut angekommen und hat noch Platz, neue Werkzeuge aufzunehmen. Der Faktor Mensch ist ein riesiges Potenzial und so wichtig für eine optimale Behandlung. Diese Botschaft ist erkannt worden.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

Die nächsten Kurstermine:

11. bis 12. September 2015
30. bis 31. Oktober 2015
13. bis 14. November 2015

Veranstaltungstipp:

21. Oktober 2015, 11:00 Uhr, FO19
Offizieller Launch des Kurses "Interpersonal Competence by DGOU und Lufthansa Flight Training"
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin